Nächster Film: Sucht und Männlichkeit, Modul 2


„Neben der von Verboten auch ausgeübten Attraktion gibt es auch ein seit Jahrtausenden bekanntes Grundbedürfnis des Menschen nach Substanzen und Verhaltensmöglichkeiten, mit denen er seine Befindlichkeit von Zeit zu Zeit verändern kann.“ 1 Noch verstärkt durch den Reiz des Verbotenen gilt das Bedürfnis nach Rausch bei Männern und Frauen also grundlegend als anthropologische Konstante, als menschliches Grundbedürfnis. Der Wunsch, dieses Bedürfnis zu befriedigen, ist dementsprechend zunächst als normal zu betrachten. Die Ausprägung dieses Wunsches und der Umgang damit sind wiederum bei jedem Menschen ganz individuell von verschiedensten Entwicklungseinflüssen und Umständen abhängig.


Um die Frage „Wer bist du, Mann?“ kontextbezogen beantworten zu können, ist es daher nötig, Einflussfaktoren mit besonderem Blick auf die geschlechtsspezifischen Besonderheiten zu hinterfragen. Kaum ein Faktor beeinflusst Identitätsentwicklung und Sozialisation so früh und grundlegend, wie die geschlechtliche Zuordnung. Gesellschaftlich festgeschriebene Rollenbilder und damit fest verbundene Erwartungen an die Angehörigen des jeweiligen Geschlechts stellen schon sehr früh die Weichen für den persönlichen Lebensweg. „Beide Geschlechter leiden Geschlechtstypisch und aus bipolar entgegen gesetzten Gründen, denen die Einseitigkeit der Rollenverteilung zugrunde liegt.“ 2 

Während Fachkräfte im Suchtbereich überwiegend weiblich sind, ist die Zielgruppe, die Betroffenen, vor allem männlich. Um das Thema Sucht dennoch geschlechtersensibel bearbeiten zu können, ist es für Fachkräfte daher zu allererst notwendig, die eigene Geschlechtsauffassung zu reflektieren. Hierzu gehört das Hinterfragen der eigenen Rollenbilder vor allem auch unter Berücksichtigung der sich ständig verändernden gesellschaftlichen Realität: als feststehend wahrgenommene Rollenzuschreibungen wandeln sich zunehmend, neue und oftmals widersprüchliche Erwartungen und die damit einhergehenden Auswirkungen auf Sozialisationsprozesse und Wahrnehmungsmuster können zu mangelnder Orientierung und damit zu wachsender Unsicherheit führen. Das Erarbeiten von „Updateabilty“ 3, also von Innovationsbereitschaft im Bezug auf sich selbst im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen ist hierbei ein wichtiger Faktor.


Der Drang, das eigene, von klein auf verinnerlichte Rollenbild zu erfüllen wirkt sich auf unterschiedlichste Lebensbereiche aus und kann durch die so entstehenden Unsicherheiten mitunter zu einer starken Belastung werden: Themen wie der Zusammenhang von Sucht und Männlichkeit, die Beziehung zum eigenen Vater aber auch selbst Vater zu sein, die speziellen Hürden und Chancen von Männerfreundschaften, Erwartungen an Beziehungen zu Frauen, der Umgang mit der eigenen Gesundheit, das Verhältnis von Arbeit und Freizeit, die Verbindung zwischen Sexualität und Sucht, Gewalt- und Benutzungserfahrungen und der bewusste Umgang mit  Emotionalität und Spiritualität stellen wiederkehrende Spannungsfelder in der praktischen Arbeit mit suchterkrankten Männern dar. Die persönliche Reflexion gerade dieser sensiblen Thematiken bietet eine mögliche und notwendige Ausgangsbasis für eine vertrauensvolle Arbeit zwischen Fachkraft und Patienten.


Verweise

1 | M. Backmund, K. Behrendt, J. Reimer, Drogenabhängigkeit. In Suchtmedizinische Reihe Band 4. Hrsg.: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Hamm 2013,  S. 14
2 | H. Macha, M. Witzke, Familie und Gender. Rollenmuster und segmentierte gesellschaftliche Chancen. Frankfurt am Main 2008, S. 274
3 | Vgl. H. Keup, Beratungsziel: Fitness für den Markt oder Selbstsorge in der Zivilgesellschaft. In Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis, Band 4/2006. Tübingen, 2006, S. 865