Emotionen dominieren unser Leben als grundlegender Erlebensbereich. Sie werden durch Wahrnehmungen und Bewertungen von äußeren und inneren Reizen ausgelöst, können beispielsweise von sozialen Normen beeinflusst werden und verändern sich mit den sozialen Erwartungen (zum Beispiel das Empfinden von Schuld)1. Die Ausprägung von Emotionen ist stets subjektiv und führt somit nicht zwangsläufig bei unterschiedlichen Menschen zu denselben Handlungen. Sie drängen jedoch zumindest in eine bestimmte Verhaltensrichtung, abhängig von den subjektiven Erfahrungen des Einzelnen und sind somit mitunter zentraler Bestandteil in Entscheidungsprozessen. Zwischen Realität und emotionaler Wahrnehmung kommt es nicht selten zu Diskrepanzen. Vor Allem Abhängige beurteilen beispielsweise die Gefahren eines Suchtmittels emotional vollkommen anders: die durch den Rausch erlebten positiven Emotionen überlagern die Realität.  


Generell wird das offene Ausleben von Emotionen eher Frauen zugeschrieben. Das traditionelle Männerbild hingegen räumt Gefühlen nur sehr eingeschränkten Raum ein (beispielsweise im Fussballstadion). Speziell Angst ist ein Gefühl, welches mit diesem Männerbild kollidiert. Männer müssen stark und risikobereit sein, für Angst ist kein Platz. „Da Männer seltener Hilfe suchen, sind sie stärker von emotionaler Unterstützung abgeschnitten.“ 2 Mit Rückschlägen, Problemen und Scheitern  beschäftigen sich viele Männer daher nur oberflächlich (oder kompensieren sie mit Aggression oder Konsum), eine emotionale Aufarbeitung im eigentlichen Sinne bleibt oft auf der Strecke. Sucht stellt dabei ein Beispiel für die männliche Tendenz dar, negative Empfindungen zu externalisieren, also durch Verhaltensweisen nach außen zu tragen. Funktionierende Männlichkeit setzt jedoch voraus, „dass zwischen gegensätzlichen Polen männlichen Erlebens und Verhaltens eine Balance herrscht.“ 3 Dies soll bedeuten, dass beispielsweise „Stärke erst dann sinnvoll zum Tragen kommt wenn sie mit der Akzeptanz von Begrenztheit einhergeht.“ 4

 

Es gibt eine große Diskrepanz zwischen der Anzahl männlicher Suizide einerseits und der viel geringeren Quote von Männern, die wegen Depressionen in Behandlung sind. Eine Ursache hierfür ist, dass Männer von Kindheit an trainieren, emotionalen Stress zu unterdrücken5. Hinzu kommt, dass Psychotherapie auf die offene Kommunikation und Reflexion von Emotionen setzt und damit auf Fähigkeiten, die für viele Männer ungewohnt sind. „Gefühle werden als eine Bedrohung der Männlichkeit erlebt und sind für viele Männer weiblich konnotiert“ 6. Auch hier werden vermeintlich weibliche Attribute also automatisch mit dem Verlust von Männlichkeit verbunden. „Die Befürchtung vieler Jungen und Männer als Weichei oder Warmduscher geoutet zu werden, ist deutlicher Ausdruck tiefgreifender männlicher Verunsicherung und der Abwehr zärtlicher Bindungswünsche, die weiterhin im männlichen Rollenkäfig eingesperrt bleiben.“ 7


Die häufigste Motivation für Suchtmittelkonsum ist die Regulierung negativer Emotionen wie Ärger, Angst, Depressionen oder Trauer. Das Entwickeln von sozioemotionalen Eigenschaften  und Bewältigungskompetenzen stellt daher ein Schlüsselelement der Therapie dar. Betrachtet man Sucht als Störung der Affektregulation, lässt sich erkennen, dass der Konsum für den Betroffenen alle anderen Motivationsquellen überschreibt und die Fähigkeiten positive Affekte zu bestärken und Negative zu regulieren dadurch massiv beschnitten wird. Die Folge ist eine emotionale Leere, welche sich aus Sicht des Suchtkranken einzig durch den Konsum füllen lässt.


Spiritualität meint in diesem Kontext nicht zwangsläufig die religiöse Zugehörigkeit. Vielmehr kann ein gesundes, internalisiertes Wertesystem eine hilfreiche Orientierung bieten. Während der Abhängigkeit verschiebt sich das innere Wertempfinden und fokussiert sich zunehmend auf Beschaffung und Konsum. Soziale Kontakte werden nicht mehr gepflegt, Interessen werden vernachlässigt und zuvor vertretene Ideale verlieren an Bedeutung. Die Suche nach Sinn und Ausrichtung des eigenen Lebens, egal ob auf moralischer, philosophischer oder sonst wie weltanschaulicher Ebene kann dem Betroffenen dabei helfen, etwas zu finden, an das er glauben kann. Das Unterstützen beim Erarbeiten persönlicher Werte ist daher für den Therapieprozess durchaus von Bedeutung. Auch kann der Kontakt mit Gleichgesinnten ein weiterer hilfreicher Aspekt sein.


Der achtsame Umgang mit Emotionen und die Beurteilung ihrer Übereinstimmung mit der Realität muss in der Therapie häufig ganz neu erlernt werden. Auch die mit dem jeweiligen Gefühl verbunden Körperreaktionen müssen wahrgenommen und reflektiert werden um einen kontrollierten Umgang zu ermöglichen. Ein funktionierender, persönlicher Wertekompass kann dabei wertvolle Hilfe sein und die positive Entwicklung unterstützen. Dieser emotionale und spirituelle Lernprozess beeinflusst die grundsätzliche Erlebenswelt des Betroffenen und wirkt sich somit auch auf alle anderen Themenkomplexe aus.

 


Verweise

1 | Vgl. H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 231
2 | Ebd.
3 | G. Neubauer, R. Winter, Dies und Das! Das Variablenmodell „Balanciertes Junge- und Mannsein“ als Grundlage für pädagogische Arbeit mit Jungen und Männern. Tübingen 2001.
4 | Ebd.
5 | G. Brooks, Beyond the Crisis of Masculinity - A Transtheoretical Model for Male-friendly Therapy. New York 2012.
6 | Vgl. H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 232
7 | M. Franz. Gefangen im Rollenkäfig. In Psychologie Heute compact, Ausgabe 40, 2015. S. 68 - 73