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Einige Suchtmittel wie beispielsweise Alkohol oder Tabak sind in unserem gesellschaftlichen Alltag fest verankert und von keinem feierlichen Anlass wegzudenken. Für den abhängigen Mann erfüllt das Suchtmittel jedoch noch weitaus vielfältigere Funktionen als bloßen Genuss. Sei es zur Kompensation von beruflichem oder privatem Stress, zur Betäubung emotionaler Belastungen oder als gemeinsamer Nenner beim Kennenlernen neuer Menschen. Auch in gesellschaftliche Initiationsriten können sie häufig eine Rolle spielen: „Alkohol und Rauchen sind für die Jugendlichen Statussymbole der Erwachsenen, mit deren Hilfe sie ihren neuen Status nach außen präsentieren.“ 1 Die Analyse dieser und weiterer Funktionen von Suchtmitteln sowie ihrer Bedeutung für den männlichen Sozialisationsprozess trägt entscheidend dazu bei, den individuellen Hintergrund des Klienten zu verstehen.

Während das allgemeine Frauenbild sich stetig verändert, geht dieser Prozess beim Bild des leistungsfähigen, erfolgreichen Mannes spürbar langsamer voran. Während mittlerweile taffe, selbstständige Frauen als attraktiv und begehrenswert gelten, gelten Männer in Frauenberufen nach wie vor als Sonderlinge oder „Softies“. Die Erkenntnis, dass die Abweichung von männlichen Rollenklischees nicht direkt mit dem Verlust der eigenen Männlichkeit einhergeht, fehlt häufig.

Weltweit lassen sich deutliche Unterschiede im Konsumverhalten von Männern und Frauen feststellen. So wurde im Jahr 2015 beispielsweise 100.000 Fälle von Alkoholabhängigkeit bei Männern diagnostiziert, bei Frauen dagegen „nur“ 36.000 2.

Gerade Alkohol und Tabak sind ausgezeichnete Beispiele für männlich konnotierte Suchtmittel: der großgewachsene, kettenrauchende, harte Cowboy oder das Bild des Whisky trinkenden und Zigarre rauchenden erfolgreichen Geschäftsmannes sind nur zwei von vielen gängigen Klischees die dies verdeutlichen. Das Ungleichgewicht im Konsumverhalten erstreckt sich jedoch auch auf die meisten anderen Substanzen. Männer konsumieren (mit Ausnahme von Medikamenten) härter, häufiger und riskanter als Frauen und sie tun dies auch häufiger in der Öffentlichkeit. Die Demonstration der eigenen Standhaftigkeit beim Konsum dient oft der Darstellung von Macht, Stärke - und eben auch Männlichkeit. Diese Assoziationen wecken in Männern positive Erwartungen an den Konsum, was in Kombination mit geringer emotionaler Belastungsfähigkeit rasch zum Problem werden kann. Mit der vermeintlichen Chance zur Selbstinszenierung kommt außerdem die Gefahr des Gesichtsverlusts einher, denn Absturz und Kontrollverlust gelten als Schwäche, als unmännlich und damit als unattraktiv.  Ein schmaler Grat.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen über Gründe und Funktionen des Konsums kann der Klient dabei unterstützt werden, alternative und vor allem risikoärmere Verhaltensweisen zu entwickeln und das Ausleben seiner Männlichkeit vom Konsumverhalten zu trennen. Die Aufklärung von jungen- und männerspezifischen Mythen im Kontext des Drogenkonsums ist hierbei ebenso ein notwendiger Schritt, wie das Umdenken von Leistungs- und Exzessorientierung zur Genussorientierung 3.


Verweise

1 | S. Eschler, H.M. Griese (Hrsg.), Ritualtheorie, Initiationsriten und empirische Jugendweiheforschung. Stuttgart 2002, S. 154
2 | Alkoholatlas Deutschland 2017, Hrsg.: Deutsches Krebsforschungszentrum. URL: http://www.dkfz.de/de/tabakkontrolle/download/Publikationen/sonstVeroeffentlichungen/Alkoholatlas-Deutschland-2017_Doppelseiten.pdf (Stand: 25.10.2018).
3 | Vgl. W. Heckmann, Gier, Macht, Ohnmacht: Männliches Suchtverhalten. In W. Hollstein, M. Matzner (Hrsg.), Soziale Arbeit mit Jungen und Männern. München 2007, S. 155 - 173.