Nächster Film: Männersexualität und Sucht, Modul 8


Erwerbstätigkeit und beruflicher Erfolg haben im Leben von Männern eine starke identitätsstiftende Bedeutung. Beides ist eng an das männliche Selbstwertgefühl geknüpft, das vergleichsweise weniger an anderen Faktoren wie der Übernahme häuslicher Verantwortung  oder der Vaterrolle wächst.1 In diesem Zuge ist Arbeitslosigkeit beispielsweise häufig auch Auslöser einer Alkohol-/ oder Drogenabhängigkeit: durch den Verlust des Arbeitsplatzes als Identifikationsmittel kann bei Männern eine tiefsitzende Verunsicherung entstehen. Die männliche Fokussierung auf die Karriere zeigt sich auch darin, dass beruflicher Stress für Männer der häufigste Belastungsfaktor ist, während Frauen hier eher soziale und partnerschaftliche Beziehungsprobleme nennen. „Das bestätigen zum Beispiel Erfahrungen aus bundesdeutschen, psychosozialen Beratungsstellen, bei denen Probleme in der Erwerbsarbeit (Überforderung, Konkurrenz, Mobbing usw.) zu den wichtigsten Themen ihrer Klienten gehören.“ 2


Bei einer so einseitig fokussierten Lebensausrichtung mit dem Arbeitsplatz als zentralem Dreh- und Angelpunkt stellen somit Arbeitslosigkeit aber auch eine etwaige Reintegration in den Arbeitsmarkt eine große Herausforderung für Suchkranke Männer dar. Vor allem nach einer Suchterkrankung und im fortgeschrittenen Alter kann der berufliche Wiedereinstieg eine große Hürde sein. Arbeit und berufliche Perspektiven hingegen können durch die mit ihnen einhergehende Regelmäßigkeit und Routine bei Suchtverläufen und Ausstiegsbemühungen auch wichtige Stützen sein.  „Die Rückfallquoten sind sechs Monate nach einer stationären Suchtreahbilitation bei Arbeitslosigkeit etwa doppelt so hoch, wie bei Erwerbstätigen (45% statt 23%).“ 3   Auch auf psychischer Ebene wirkt sich anhaltende Beschäftigungslosigkeit negativ auf das generelle Wohlbefinden und auf die Rehabilitationschancen der Betroffenen aus. „Arbeitslose Suchtpatienten haben zudem schlechtere Werte in der Lebenszufriedenheit und psychischen Gesundheit. Sie brechen eher Behandlungen ab und nehmen wesentlich seltener an Selbsthilfegruppen teil (ca. 30% statt 40%).“ 4


Für den Betroffenen stellt Arbeitslosigkeit oftmals einen Widerspruch zu dem von ihm verinnerlichten Männerideal dar. Auch wenn mittlerweile immer mehr Männer Elternzeit in Anspruch nehmen und sich so etwas vom Klischee des reinen Arbeitswesens entfernen, herrscht der eindimensionale Lebensentwurf des Mannes als Familienernährer (vor allem in älteren Generationen) noch immer vor. Dieses Selbstbild jedoch ist in seiner Einseitigkeit extrem anfällig. Alternative Bekräftigungsmöglichkeiten fehlen, ein Wegfallen der Erwerbsarbeit stellt die Betroffenen somit schnell vor ganz existentielle Identitätsfragen. Hier ist ein Neudenken des eigenen Männerbildes und das Erarbeiten von Coping-Strategien für ein Leben ohne die Erfüllung traditioneller Männlichkeitsstandards dringend erforderlich.  


Auf der anderen Seite bekommt auch Freizeit im Rehabilitationskontext eine ganz neue Bedeutung: „Sie kann wieder zum persönlichen Wachstum, Lernen und Erleben genutzt werden und ist nicht mehr nur der Suchtbefriedigung untergeordnet“ 5.Vor allem das Erlernen eines gesunden Freizeitmanagements, von Genuss und Entspannung statt Langeweile, Frust und Konsumdruck geprägt, ist ein wichtiges Therapieziel. Körperliche Aktivitäten, bewusstes emotionales Erleben und mentale Neuorientierungen können dabei hilfreich sein.


Den Zusammenhang zwischen Sucht, Arbeit und Freizeit zu verstehen stellt das zentrale Ziel in diesem Themenkomplex dar. Das Hinterfragen und Neudenken persönlicher Leistungsanforderungen, Methoden und Wege zur Bewältigung des Lebens bei Wegfall der Erwerbsarbeit und Ermutigung zur kontinuierlichen Suche nach einem Arbeitsplatz oder nach sinnvollen Beschäftigungsalternativen (Ehrenamt, Selbsthilfe, Sport…) sollten als Teilziele betrachtet werden. Unterstützung beim Erkennen persönlicher Neigungen und Fähigkeiten und damit verbunden auch das Erarbeiten eines sinnvollen, gesunden Freizeitverhaltens ohne Suchtmittel (und oft ohne die ehemaligen Konsumkontakte) ist ebenfalls ein wichtiger Faktor.


Auf emotionaler Ebene muss das Gefühl der Entwertung durch den Verlust des Arbeitsplatzes bearbeitet werden. Kognitiv geht es um eine Auseinandersetzung mit eigenen, gegebenenfalls überzogenen Ansprüchen an beruflichen Erfolg und den Zusammenhang mit dem internalisierten Männlichkeitsideal einerseits und dem Alkohol-/Drogenkonsum andererseits.

 


Verweise

1 | Vgl. H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 156
2 | Vgl. T. Hahn, Opfererfahrungen von Klienten in der Beratung von Männern - Ergebnisse der Studie über Männerberatung als sozialpädagogisches Arbeitsfeld in der BRD. In: Lenz, Hans-Joachim (Hrsg.): Männliche Opfererfahrungen: Problemlagen und Hilfeansätze in der Männerberatung, Weinheim, München, S. 198-212
3 | Vgl. D. Henkel, Zemlin, Arbeitslosigkeit und Sucht. Ein Handbuch für Wissenschaft und Praxis. Frankfurt 2008.
4 | Vgl. ebd.
5 | Vgl. H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 157