Nächster Film: Gewalt / Benutzung, Modul 9


Geht es um die genderspezifische Arbeit mit Klienten, stellt Sexualität einen wichtigen Aspekt dar. Gleichzeitig ist jedoch gerade dieser Themenkomplex mit vielen Vorbehalten und Tabus besetzt. Dies gilt für die Klienten einerseits, aber mindestens ebenso stark gilt es andererseits auch für die Berater und Therapeuten. „Vielleicht halten beide die Unfähigkeit, mit dem Suchtmittel umzugehen, für einen Mann schon als kränkend genug und vermeiden ein Thema anzusprechen, das mit Versagen zu tun haben könnte.“1


Die meisten Suchtmittel wirken sich jedoch nachweislich auch auf die Sexualität aus. Alkohol zum Beispiel senkt schon in geringer Dosierung den Testosteron-Spiegel des Mannes. „Während eine geringe Menge Alkohol noch sexuell stimulierend oder enthemmend wirken kann, führt eine größere Menge zu Erektionsproblemen.“ 2 Gegensätzlich dazu gibt es natürlich auch Suchtmittel (wie z.B. Kokain), die das sexuelle Erleben verstärken können. Oft geht es den Klienten bei entsprechenden Beschreibungen jedoch vorrangig rein um Konsum und Leistung, der emotionale Beziehungsaspekt spielt dabei keinerlei Rolle. Es ist in diesem Kontext zu beachten, dass auch Überschneidungen von Substanzabhängigkeit und Verhaltenssucht keine Seltenheit sind. Die alleinige Fokussierung auf die Substanzabhängigkeit mag nicht ausreichend sein: „Die Behandlung der Abhängigkeitserkankung hat vor den Verhaltenssüchten meist Priorität. Die Vorstellung, dass sich eine Verhaltenssucht von alleine erledigt, wenn man die Abhängigkeiten erfolgreich behandelt, ist aber leider nicht richtig. […] Manchmal kommt die Sexsucht erst zum Vorschein, wenn eine andere Sucht aufgegeben werden konnte.“ 3


Generell geht der Konsum von Suchtmitteln mit Kontrollverlust einher, was für den Bereich der Sexualität ebenso gilt, wie für jeden anderen Lebensbereich. „Ein hoher Prozentsatz sexueller Gewalt und sexueller Übergriffe findet im alkoholisierten Zustand statt.“ 4 Außerdem ist vor allem auch die männliche Sexualität untrennbar mit den am weitesten verbreiteten Männerbildern verbunden. Sexuelle Leistung ist dabei mitunter ebenso Identitätsstiftend, wie Arbeitsleistung. Die eigene funktionierende Sexualität wird zum Messinstrument der erlebten Männlichkeit, die Thematisierung von sexuellen Schwierigkeiten ist tabu, kommt sie doch einem Schwächegeständnis gleich. „In traditionellen Konzepten von Männlichkeit sind Fehler, Versagen, Defekte nicht vorgesehen, schon gar nicht im männlichkeitkonstituierenden Gebiet der Sexualität.“ 5 Leistung, oft gemessen an reiner Quantität (Wie oft, wie lange, wie viele?) ist, was in vielen  Männergesprächen über Sex die einzige  Rolle spielt. „Der Mann ist dabei eher Hochleistungssportler als erotischer, genießender Liebhaber“ 6.


Mit diesem Verständnis von Sexualität geht natürlich vor allem ein enormer Leistungsdruck einher, der besonders dann zum Tragen kommt, wenn der Mann sich beispielsweise mit alkoholbedingten Erektionsstörungen oder Ähnlichem konfrontiert sieht. Für den Betroffenen bedeutet dies Versagen und Schwäche. Das internalisierte Männerbild, dass er für sich selbst und andere aufrecht zu halten sucht steht auf der Kippe. Mythen wie „Männer können und wollen jederzeit“ oder „echte Männer haben keine sexuellen Probleme“ 7 sind so falsch wie sie verbreitet sind und tragen dazu bei, männliche Sexualität zu etwas zu machen bei dem man sich und seine Leistungsfähigkeit beweisen müsste. Dabei ist die männliche Sexualität ein komplexes Gefüge, welches auch ohne den Einfluss von Suchtmitteln schon anfällig ist.


Schon das sexuelle Interesse an sich kann empfindlich unter einer Suchterkrankung leiden. Verheimlichung und Nachschubbeschaffung können im Leben eines Betroffenen so viel Raum einnehmen, dass andere Lebensbereiche daneben schlicht an Bedeutung verlieren und Aspekte wie Angst- oder depressive Störungen verbale und körperliche Gewalt, Lügen und ein abnehmendes Körper- und Hygienebewusstsein ebenfalls ihren Teil beitragen.


Grundsätzlich ist jedoch auch zu beachten, dass Rauschmittelkonsum risikoreiches und ungeschütztes Sexualverhalten begünstigt und die Hemmschwelle für Gewalthandlungen senkt. Oftmals haben Betroffene auch selbst Gewalterfahrungen in Kindheit oder Jugend durchlebt. Gerade für Männer stellt die Tatsache selbst zum Opfer geworden zu sein ein sensibles Eingeständnis dar, welches wiederum ihrem Männerbild widerspricht.


Sexualität darf als entscheidend prägender Lebensbereich in der Suchthilfe nicht außer Acht gelassen werden. Oft ist sie (oder die mit ihr verbundenen Ängste) Teil- oder sogar Hauptmotivation für den Konsum. Das Thema muss also vom Tabu befreit werden, offene Kommunikation über Sozialisierungserfahrungen sowie eine Erweiterung des Verständnisses weg vom Leistungsgedanken und hin zu Lust im Kontext von Bindung, Nähe und Liebe sollten das Ziel sein. Information über sexuelle Störungen, sexuelle Mythen und Geschlechterunterschiede im Verständnis guter Sexualität sind ebenso wichtig. Gerade bei diesem Thema ist mit Ablehnung und Unsicherheit seitens der Klienten zu rechnen. Ein sensibler Umgang mit der Thematik muss gegeben sein.

 


Verweise

1 | Vgl. H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 171
2 | Vgl. ebd.
3 | D. Batthyány, A. Pritz, Rausch ohne Drogen: Substanzungebundene Süchte. Berlin 2009. S. 253
4 | H. Stöver, A. Vosshagen, P. Bockholdt, F. Schulte-Derne, Männlichkeiten und Sucht - Handbuch für die Praxis, Hrsg.: Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster 2017. S. 171
5 | Ebd.
6 | W. Hollstein, Potent werden. Das Handbuch für Männer. Bern 2001. S. 155
7 | Vgl. B. Zilbergeld, Die neue Sexualität der Männer. Tübingen 1994.